veröffentlicht am 23.01.2020

Lost Places – Verlassene Industriegebäude nach der Insolvenz

Wer gerne mit offenen Augen durch die Welt geht, wird an der ein oder anderen Stelle etwas Merkwürdiges beobachten. Eine Abweichung von der Norm, einen Zustand, der nicht ohne Weiteres erklärt werden kann. Die Rede ist von sog. Lost Places, also verlassenen Orten, die scheinbar seit Jahren oder Jahrzehnten munter vor sich hin vegetieren. Doch so verwunschen und „vergessen“, wie die Lost Places auf den ersten Blick scheinen, sind diese Orte in der Regel nicht. Bei einigen Lost Places gibt es gar einen regelrechten Hype, der mitunter skurrile Formen annimmt.

HÄMMERLE zeigt Ihnen in den kommenden Beiträgen spektakuläre Lost Places, erklärt den Hype auf YouTube und betrachtet das Ganze aus der Sicht eines Insolvenzdienstleisters.

 

Geheimnisumwoben, eigentümlich und nicht von dieser Welt: Wie Lost Places zum YouTube-Trend werden

Baden-Württemberg ist geprägt von vielfältigen Naturlandschaften, einer diversifizierten Industrielandschaft sowie einem reichhaltigen Kulturangebot. „Kultur“ lässt sich aber weit fassen, insbesondere dann, wenn man einen Blick nach Herrenberg wirft. Die Stadt, die etwa 30 Kilometer südwestlich von Stuttgart gelegen ist, beheimatet seit mehr als zwei Jahrzehnten einen überregional bekannten Sightseeing Spot. Die Rede ist vom ehemaligen Werksgelände der Metallgießerei Leibfried, einem 1993 in die Insolvenz geschlitterten Unternehmen. Das 1,1 Hektar große Areal befindet sich zentrumsnah in der Nähe klassischer Siedlungsflächen, soll aber erst jetzt durch einen Investor in ein modernes Wohnareal verwandelt werden.

Dem Insolvenzverwalter besagter Firma ist es scheinbar in all diesen Jahren nicht geglückt, den stadtbekannten Lost Place „Leibfried-Areal“ zu verkaufen. Eine solche Entwicklung, die zu langjährig gehegten Industriebrachflächen führt, findet sich jedoch in praktisch jedem Winkel dieses Landes.

Kurzum: Lost Places werden durch Entdeckernaturen zu einem besonderen Spot stilisiert, hier finden geheime Treffen oder Partys statt, ranken sich Mythen um Kriminalfälle oder das mysteriöse Verschwinden Einzelner. Auf YouTube, der Social-Media-Plattform schlechthin, decken Kanäle wie „Galileo“ oder „Adventure Buddy“ regelmäßig solche Entdeckungen auf. Dabei ist das Interesse ist groß, sodass Videos über Lost Places nicht selten hunderttausende Klicks erzielen. Bisweilen gibt es eine rege Fangemeinde, die aktiv auf die Suche geht, um Lost Places auch in ihrer Umgebung zu identifizieren. Auch die Kanzlei WBS hat auf YouTube spannende Videos zum Thema Lost Places veröffentlicht. Dort geht das Team der Kölner Medienkanzlei der Frage auf den Grund, wann ein Ort wirklich verlassen ist.

 

Lost Places erzählen Industriegeschichte hautnah und ungeschönt

Lost Places, also verlassene Städte oder Dörfer, die zwar formal noch existieren, aber im Wesentlichen einen massiven Bevölkerungsrückgang hinnehmen mussten, finden sich überall. Einerseits betroffen ist der Osten Deutschlands, wo ganze Landstriche infolge der Wirrungen der Wendejahre verwaisten. Viele ehemalige DDR-Betriebe konnten nicht verwertet werden, es folgten Betriebsschließungen und Werksstilllegungen. Doch nicht immer erkennt man solche Industrieflächen als Lost Places, denn deren Bedeutung zeigt sich häufig erst einige Jahre später.

Etwa dann, wenn Industrieunternehmen und deren ehemaligen Werksflächen einen Symbolcharakter einnehmen für das Sterben einer ganzen Industrie. Viele Lost Places sind daher auch im landwirtschaftlichen Bereich zu finden, wo Massentierhaltung und massive Automatisierung das Hofsterben beschleunigten.

 

Die in diesem leerstehenden Industriegebäude verbliebenen Maschinen ließen sich nicht mehr verkaufen. Dieser Lost Place ist bereits seit Jahren verlassen und die Natur holt sich immer mehr von Ihrem Lebensraum zurück.

 

Lost Places entwickeln sich aber nicht nur infolge von Insolvenzen, sondern auch durch Erbstreitigkeiten, fehlenden Erben oder schlicht bei unklaren Verhältnissen. Immer dann, wenn mehr als eine Person erbt, wird im Normalfall eine Erbengemeinschaft gebildet. Kann diese kein einstimmiges Votum über den Verbleib treffen oder fehlt schlicht das Wissen um derartigen Besitz, begünstigt das die Entwicklung sog. Lost Places.

 

Achtung bei "Industrieruinen" und anderen Lost Places mit Inventar: Hier hat oft der Insolvenzverwalter ein Wörtchen mitzureden

Gerade im Ruhrgebiet finden sich unzählige Bereiche, in die scheinbar seit Jahren niemand einen Schritt getan hat. Zwar werden solche Lost Places durch Stadtentwicklungsmaßnahmen zunehmend weniger, es kommen aber durch Insolvenzverfahren kontinuierlich Lost Places hinzu. In einigen Fällen verbleiben dann Inventar, wie Maschinen und Büroausstattung in den Gebäuden, da kein Nachfolger in Sicht ist oder sich die Verwertung schlicht nicht rechnet. Wer gezielt nach solchen Lost Places sucht, sollte aber beachten, dass es sich hier um fremdes Eigentum handelt.

Auch wenn die Gelände oft unzureichend oder gar nicht gesichert sind, bedeutet das nicht, dass jedermann sich einfach Zutritt zu den vermeintlichen Lost Places verschaffen darf. Hier sind gleich mehrere potenzielle Delikte denkbar, die strafrechtliche Konsequenzen haben. Auffindbares Inventar bei den Lost Places ist nämlich mitnichten „Allgemeingut“, sondern weiterhin im Besitz der insolventen Gesellschaft.

 

Achtung vor verlassenen Gebäuden mit vorhandenem Inventar. Hier spielen oft ein laufendes Insolvenzverfahren oder ein fehlender Unternehmensnachfolger eine Rolle. Oft sind diese Gebäude auch durch Sicherheitspersonal, Überwachungskameras und/oder Bewegungsmelder gesichert bis sie im Rahmen einer Auktion versteigert werden.

 

Bei uns finden Sie Versteigerungsobjekte aus Betriebsschließungen und Insolvenzen.

 

Tipp: Innerhalb der Fotografie gibt es mit der Ruinen-Fotografie ein eigenes Spektrum, indem Industrieruinen und andere Lost Places als Kulisse für Aktfotografie und Co. dienen. Im Handel finden sich viele schön aufbereitete Bücher zu diesem Thema, die jeweils mit einer Geschichte zum Hintergrund der Industriefläche verknüpft sind. Auch mittels Geocaching lassen sich mittlerweile Spiele spielen, die gezielt mit der Faszination solcher Lost Places hantieren. So lernt man die eigene Region auf völlig neue Art und Weise kennen. Weitere Fotos von Katharina Haney finden Sie auf Ihrem Instagram-Account.

 

In unserem nächsten Beitrag zeigen wir Ihnen verlassene Orte in Deutschland, die einen Blick absolut wert sind.

 

Bildnachweis: (©  Katharina Haney www.someplaceonlyweknow.com, ©  Mulderphoto - stock.adobe.com)

Zuletzt aktualisiert am 19.02.2020

Autor: HÄMMERLE



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